Die etwas andere Perspektive

 

Seit Anfang Oktober bin ich jetzt Schiedsrichter und es ist unglaublich, wie sich die Sichtweise bezüglich eines Fußballspiels ändert. Seit der D-Jugend spiele ich Fußball. Durch meine derzeitige Ausbildung in Meschede habe ich mich dazu entschlossen, einen Schiedsrichterlehrgang zu absolvieren, den ich vor einiger Zeit erfolgreich abgeschlossen habe. Somit besteht für mich die Möglichkeit am Wochenende als Schiedsrichter auf dem Sportplatz zu stehen und kann sogar ab und zu noch selbst aktiv spielen. Dabei fällt mir immer mehr auf, welch' wichtige, verantwortungsvolle und somit auch machtvolle Rolle der 23. Mann am Platz hat. Als Schiedsrichter ist man derjenige auf dem „Rasen“, der dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden. Auf der anderen Seite wiederum ist es immer ein Spagat zwischen „Nicht Auffallen“ (ein guter Schiedsrichter fällt in einem Spiel kaum auf, hat es aber trotzdem im Griff) und das Spiel trotz alledem unter fairen Bedingungen zu leiten. Erst neulich habe ich in einem Artikel zu Schiedsrichtern folgende Fakten gefunden: Der Schiedsrichter... *)

 

  • - sieht alles.
  • - kennt 120 Seiten Regeln auswendig.
  • - trifft 200 Entscheidungen pro Spiel.
  • - läuft 12 km pro Spiel.
  • - hat 60.000 Kritiker.
  • - liebt Fußball zu 100%.

Klar sind diese Fakten auf Bundesligaschiedsrichter bezogen. Aber trotzdem haben mich diese Fakten etwas nachdenklich gemacht. Weil egal „was er (der Schiedsrichter) auch macht – er kann es nicht allen Recht machen.“
Deshalb reizt es mich, trotz das ich es wahrscheinlich nie allen Recht machen kann, dies trotzdem zu versuchen und immer wieder richtige Entscheidungen zu treffen. Dies war unter anderem ein Grund, warum ich Schiedsrichter werden wollte. Ich finde es geradezu interessant, das Spiel, auch als aktiver Spieler, von einer komplett anderen Seite zu sehen.

 

Einer dieser neuen Seiten ist zum Beispiel, dass man nicht mehr auf den Sportplatz kommt, und dort seine Freunde aus dem Verein trifft. Man ist viel mehr auf sich allein gestellt und die Sichtweise, bezogen auf das Spiel, ist sehr neutral. Mein Blickwinkel hat sich verändert. Ich muss Situation für Situation bewerten, der Ausgang des Spiels ist nicht wesentlich, sondern die neutrale Sicht und das Wissen der Regeln. Jedoch hat man immer im Hinterkopf, dass man mit jeder Entscheidung den Verlauf des Spiels beeinflussen kann. Außerdem ertappe ich mich immer wieder, wenn ich zum Beispiel im Fernsehen ein Fußballspiel schaue, dass ich ein viel größeres Augenmerk auf den Schiedsrichter habe, als noch zuvor. Ich fange an, selber über Aktionen zu urteilen. Immer mit der Frage an mich selbst: „Hätte ich das jetzt auch so entschieden?“ Dabei sollte man meinen, ein Spiel unter den Gesichtspunkten der Neutralität und des Sachverstandes zu beurteilen sei einfach. Jeder der aber zum Beispiel in einem Jugendspiel selbst schon mal als „Schiedsrichter“ auf dem Platz gestanden hat, weiß, dass dies nicht immer einfach ist. Doch auch das ist etwas, was mich reizt. In knappen Spielen und bei schwierigen Entscheidungen trotzdem noch einen klaren Kopf bewahren und binnen Sekunden beurteilen, welches der richtige Schiedsspruch ist. Ich hoffe ich kann mit diesem Artikel Spieler, Trainer und auch Zuschauer etwas zum Nachdenken anregen. Und das obwohl ich erst seit einem so kurzem Zeitraum Schiedsrichter bin. Vielleicht ist es dann einfacher, sich in die Rolle des Schiedsrichters zu denken und in manchen Momenten einfach die Entscheidung, welche der Schiedsrichter in dem Moment getroffen hat, zu akzeptieren.

 

Bericht: Fabian Tomasi (Spieler und Schiedsrichter des SV Netphen)

Titelbild/Bild1: Ralf Ebert

Portraitbild/Bild2: Andreas Sauer