Aufmerksamkeit gefragt

Das Gerangel nach einem Torerfolg

 

■ BUNDESLIGA - 1899 Hoffenheim gegen FC Freiburg

 

 

Gleich drei Akteure erlebten im Spiel 1899 Hoffenheim gegen den SC Freiburg den Schlusspfiff nicht mehr auf dem Spielfeld. Einen der kuriosesten Platzverweise in der Bundesliga-Historie sah dabei der Hoffenheimer Sejad Salihovic. Zunächst verwandelt er einen Strafstoß zum Tor. Doch statt sich gemeinsam mit seinen Mitspielern über den Treffer zu freuen, schnappt sich Salihovic den Ball, den auch der Freiburger Torhüter Oliver Baumann gerne hätte. Doch diesen möchte der Torschütze nicht hergeben. In der Folge kommt es innerhalb der Spielertraube zu einem Gerangel, in das neben den jubelnden Hoffenheimern auch mehrere Freiburger Verteidiger verwickelt sind.

In diesem allgemeinen Durcheinander dann die Tätlichkeit des Hoffenheimers: Er schlägt mit der flachen Hand dem Freiburger Verteidiger ins Gesicht. Sicherlich nicht hart – aber dennoch ein offensichtlicher Schlag. Und damit lässt der Spieler dem Unparteiischen gar keine andere Wahl, als den Feldverweis auszusprechen. Der Schiedsrichter hat die Situation von Beginn an sehr aufmerksam verfolgt und steht unmittelbar dabei. Diese Situation ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es für den Schiedsrichter eben ist, nach einem Torerfolg einer Mannschaft nicht zu früh abzuschalten: Dass es nach einem Tor zu einem Gerangel um den Ball kommt, sieht man nämlich immer wieder. Das gilt erst recht, wenn der Spielstand knapp ist.

Die zweite Rote Karte in diesem Spiel ist schnell erklärt: Der Schiedsrichter ahndet bei einem langen Ball ein Stoßen des Freiburgers Admir Mehmedi gegen seinen Gegenspieler. Nach dem korrekten Pfiff des Schiedsrichters dreht sich der Spieler zum Unparteiischen und zeigt diesem den „Vogel“. Auch hier hat der Schiedsrichter gar keine andere Wahl, als die Rote Karte zu zücken. Mit seiner Geste verhält sich der Spieler grob respektlos und beleidigt den Schiedsrichter – das ist für jeden Spieler auf dem Platz und für jeden Zuschauer im Stadion erkennbar. Würde der Schiedsrichter in dieser Situation „weggucken“ und die Geste des Spielers ignorieren, würde ihn das sämtliche Autorität kosten. Für solch eine Gestik – und wenn sie nur Sekundenbruchteile dauert – muss es „Rot“ geben. In jeder Spielklasse und völlig unabhängig von der absolvierten oder restlichen Spieldauer.

Kritisch zu hinterfragen ist allerdings die Gelb/Rote Karte für den Freiburger Francis Coquelin: Bei einem Zweikampf geht dieser Spieler von der Seite kontrolliert zum Ball. Gleichzeitig läuft der Hoffenheimer frontal auf den Ball zu. Beide Spieler erreichen den Ball zeitgleich, wobei der Freiburger am Boden mit dem Fuß etwas über den Ball rutscht. So kommt es zum Kontakt mit dem Hoffenheimer Spieler. Der Schiedsrichter entscheidet daher nachvollziehbar auf Freistoß für Hoffenheim. Was der Unparteiische im Folgenden gut macht: Er ist schnell präsent und beruhigt die Situation, spricht dabei auch eine Ermahnung gegenüber dem Freiburger Spieler aus. Danach wendet er sich allerdings dem verletzten Spieler von Hoffenheim zu. Wie an der Mimik des Spielers zu erkennen ist, schreit dieser aufgrund der scheinbaren Schmerzen. Davon lässt sich der Unparteiische möglicherweise irritieren. Denn er geht nun nochmal zum Freiburger Spieler, der das Foul begangen hat, und verweist ihn mit „Gelb/Rot“ des Feldes. Der Schiedsrichter hatte die Situation mit dem Pfiff und der unaufgeregten, beruhigenden Geste eigentlich gut gelöst. Auch die Außenwirkung vermittelte den Eindruck, dass die Aktion abgeschlossen sei. Eine „Wiederaufnahme des Verfahrens“ aufgrund der Begutachtung der Verletzung eines Spielers darf dann nicht mehr erfolgen. Grundlage der Entscheidung eines Schiedsrichters muss immer die eigene Wahrnehmung eines Vergehens bleiben. Dieser sollte der Unparteiische vertrauen – und nicht die Reaktionen von Spielern interpretieren. Denn es soll schon Spieler gegeben haben, die durch ihr theatralisches Verhalten den Schiedsrichter zu einer Persönlichen Strafe verleiten wollten.

 

Quelle: Lehrmaterial FLVW / SR-Zeitung / YouTube